3 Monate Hongkong

Genau heute vor einem Jahr bin ich nach Hongkong geflogen. Seit meiner Rückkehr im Juni 2019, hat die Stadt so einiges mitgemacht. Im folgenden Bericht schildere ich meine Eindrücke und Erfahrungen kurz vor Beginn der Proteste sowie vor Ausbruch des Corona Virus...

Hongkong

Wo sich eindrucksvoll Alt mit Neu, Arm mit Reich und Ost mit West vermischt.

Durch meinen Arbeitgeber erhielt ich die Chance für 3 Monate in Hongkong zu arbeiten und zu wohnen. Nach einigen Geschäftsreisen hatte ich zwar bereits einen Eindruck der Stadt, jedoch auch nicht mehr. Nun bot sich mir endlich die Gelegenheit, mehr über die Sonderverwaltungszone der Republik China und deren Einwohner zu erfahren.

Die meisten Menschen denken bei Hongkong wohl als erstes an Shopping und Disneyland, was auch absolut berechtigt ist. Die Möglichkeiten Geld auszugeben und komplett in der Konsumwelt zu versinken sind grenzenlos. Nicht umsonst munkelt man, Shopping sei die einzig wahre Religion der Hongkong Chinesen. Die Stadt mit den meisten Wolkenkratzern der Welt ist dank tiefer Steuern und der strategisch günstigen Lage ein Magnet für Investoren und Kreative. Dies ist aber nicht alles. Schaut man etwas genauer hin wird schnell klar, dass Hongkong voller Kontraste ist und weit mehr als Luxus Labels und Rooftop Bars zu bieten hat.

Von den 1'100 km² Gesamtfläche sind lediglich 25% bebaut, was an dem bergigen Relief mit vielen steilen Hängen liegt. Dazu kommen 263 Inseln, was die Stadt zu einer der grünsten Metropolen Asiens und zum Paradies für Wanderbegeisterte macht. Die begrenzte Baufläche führt jedoch auch dazu, dass immer weiter in die Höhe gebaut wird und die Wohnungen winzig klein sind. Wo wir Schweizer locker 90 m² zu zweit bewohnen, leben in Hongkong beispielsweise 4-köpfige Familien auf 30 m². Und diese Menschen zählen noch zu den glücklicheren. Von den ca. 7.5 Millionen Bewohnern der Stadt lebt über 1 Million unterhalb der Armutsgrenze. Viele von ihnen sind sogenannte „Cage“ oder „Coffin“ People - Menschen, die in Wohnungen oder auf den Dächern von Hochhäusern in wenigen Quadratmeter grossen Verschlägen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Hongkong gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt und der Quadratmeterpreis für Wohnfläche stellt alle anderen Metropolen in den Schatten.

Es wundert mich nicht, dass viele Bewohner, vor allem die jüngere Generation, verzweifelt und perspektivlos sind. Neben der ungewissen politischen Zukunft Hongkongs muss es unglaublich frustrierend sein zu wissen, dass man nie genügend Geld verdienen wird, um sich mit seinem Partner eine eigene Wohnung leisten zu können. Es ist schwierig, sich zu entwickeln und selbständig zu werden, wenn es keinen Raum dafür gibt. Die engen Wohnverhältnisse führen zum Beispiel auch dazu, dass die Wäsche am Strassenrand oder auf dem Spielplatz zum Trocknen aufgehängt werden muss oder man sich trotz der Hitze und oft unangenehm hoher Luftfeuchtigkeit eher auf einer Parkbank zum Plaudern trifft, als in der heimischen Stube.

Die Menschenmenge, der Lärmpegel und die verschiedenen Gesichter der Stadt sind überwältigend und oft auch ermüdend. Fährt man beispielsweise nach einer Entdeckungstour durch die Strassen Sham Shui Pos mit der Metro nach Hongkong Island und landet inmitten schicker Cafés und Malls, dann fällt es einem echt schwer zu begreifen, dass dies immer noch die gleiche Stadt sein soll. Aber genau das ist es auch, was sie so besonders macht. Hongkong besinnt sich trotz oder genau wegen seiner Modernität auch auf seine Traditionen. Es ist schön und beruhigend zugleich, wenn nach all den Malls wie aus dem Nichts ein Tempel auftaucht. Ein Ort, wo die Menschen in sich kehren und zur Ruhe kommen. Oft war ich von dem ganzen Jubel und Trubel fix und fertig und genau in dem Moment erscheint ein kleiner Park, eine Oase zum Durchatmen. Zeit, um den Kindern beim Spielen zuzusehen, die Kunst des Tai-Chi zu beobachten oder einfach nur dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen.

Der duftende Hafen, wie Hong Kong übersetzt heisst, überrascht einem immer wieder aufs Neue. In einer Stadt, wo der Verschleiss von Plastiksäcken und Einweggeschirr katastrophal hoch ist, gibt es beispielsweise immer noch einen Mann, der ausschliesslich Schirme repariert. Obwohl hier die höchsten Gebäude der Welt stehen, werden immer noch Baugerüste aus Bambusstangen konstruiert. Trotz Ikea gibt es immer noch Künstler, die von Hand Porzellan im chinesischen Stil bemalen. Irgendwie schafft es die Stadt am südchinesischen Meer, einer der wichtigsten Finanzmärkte der Welt zu sein, Investoren aus zig Ländern anzuziehen, jeden erdenklichen Luxus im Angebot zu haben, aber trotzdem traditionell zu bleiben - und genau dafür liebe ich diese Stadt.

Hongkong, voller Kontraste und beindruckender Menschen, die trotz den schwierigen und beengenden Verhältnissen immer wieder einen Weg finden, ihr Leben zu meistern und die Hoffnung nicht zu verlieren. Aber was bleibt ihnen auch anderes übrig? Die Welt ist ungerecht und auch in Hongkong profitieren nur die wenigsten vom Reichtum der Stadt. Der Druck auf die Ärmsten der Armen steigt und es gibt viele Probleme zu lösen: Wohnungssituation, Bildungssystem, Umweltsituation, Abfallmanagement und Verkehr sind nur einige davon.

Meine Zeit in Hongkong neigt sich bereits dem Ende zu, aber ich freue mich schon jetzt darauf hierher zurückzukehren, um die Menschen auf den Plastikstühlen der Strassenküchen oder in den Tempeln zu beobachten sowie neue trendige Cafés oder Streetart zu entdecken.

Neben all den neuen Erfahrungen, den Menschen und deren Geschichten, welche ich kennenlernen durfte, bleibt dieses Gefühl von Ungerechtigkeit und Ungleichheit – ein allgemeines Phänomen, dem sich viele entwickelte kapitalistische Länder stellen müssten. Ein Gefühl, dem auch ich mich immer wieder stellen muss, oder besser gesagt stellen will. Denn es macht einem bescheiden und man erkennt, welch kleinen Platz man in der Welt besetzt, aber auch, dass jeder Mensch Möglichkeiten hat, diesem Ungleichgewicht ein bisschen entgegenzuwirken - sei es mit einer Unterhaltung, einem Einkauf, einer Spende oder auch einfach nur mit einem Lächeln.

Mehr Bilder meiner Reisen findet ihr hier: https://www.carolmueri.com/travel

Join my mailing list &

never miss an update

Name

Email