Fuerteventura

Endlich! Endlich weg, Tapetenwechsel, Sonne auf der Haut, Meeresbriese im Gesicht, Sand unter den Füssen und Natur soweit das Auge reicht.


8 Jahre ist es nun her, seit wir Job, Wohnung, Freunde und Familie zurückgelassen haben und mit je rund 15 kg am Rücken in Richtung Westen geflogen, und anderthalb Jahre später mit halb so viel Gepäck aus dem Osten wieder nach Hause zurückgekehrt sind. Gewohnheit und Routine eingetauscht gegen Abenteuer und Planlosigkeit. Wir haben Landesgrenzen per Bus, zu Fuss, auf dem Schiff und mit dem Flugzeug überquert, uns einfach treiben lassen. Was bin ich dankbar, dass wir diese Erfahrungen sammeln durften, denn sie haben unser Leben, unsere Herzen nachhaltig geprägt. Unser Fernweh sowie das Verlangen nach Anderem und Neuem konnten wir seither glücklicherweise jedes Jahr mit mehrwöchigen Reisen immer wieder stillen.


Was für ein Privileg, dass wir auch in diesen verrückten Zeiten einen ganzen Monat verreisen dürfen. Fuerteventura entspricht zwar nicht dem ursprünglichen Reiseziel Asien, aber wie uns die letzten Monate gelehrt haben; nie dagewesene Umstände erfordern Flexibilität und Offenheit, was wiederum oft zu unerwartet positiven Erfahrungen führt.


Unsere Rucksäcke haben wir diesmal gegen Baby und Kinderwagen eingetauscht. Genau, denn dies ist nicht nur die erste Reise nach einem sehr langen Winter in den immer gleichen vier Wänden, sondern auch die erste Reise mit unserer kleinen Tochter.


Stationiert sind wir in einem wunderschönen Haus in Lajares, mittig im nördlichen Teil von Fuerteventura. Ein kleiner Ort, der den typisch entspannten Surfervibe versprüht, denn durch die Nähe zu einigen der atemberaubendsten Surfspots überhaupt, haben sich hier einige Surfschulen sowie Surfboardhersteller angesiedelt. Je nach aktuellem Wind und Wetter, sind die verschiedenen Küstenabschnitte schnell erreichbar. Die Stimmung ist entspannt, die Menschen sind freundlich, die Haare oft wild und ausgebleicht und es gibt ein grosses Angebot an gesunden Zumos.

Überhaupt Ist der Surfsport, neben dem klassischen Pauschaltourismus, wohl der Hauptgrund die Insel zu besuchen. Starke Winde und Wellen, sowie das ganzjährig milde Klima, machen die Insel zu einem der beliebtesten Destinationen unter den Surfern. Immer wieder sieht man heruntergekommene, uralte Wohnmobile an den abgelegensten Küstenorten herumstehen. Einfach fantastisch, wenn die Liebe zu den Wellen so gross ist, dass man neben dem Ozean lediglich ein Wohnmobil für die paar Habseligkeiten und zum Nächtigen braucht.

Wir gehören jedoch weder zu den Pauschalreisenden noch zu den Surfnomaden. Nachdem wir selbst etwas überrascht sind, hier gelandet zu sein, wollen wir zum einen in die einzigartige Schönheit dieser Insel eintauchen und zum anderen die Zeit zu dritt geniessen. Drei Wochen vor Abreise haben wir uns für Fuerteventura entschieden und bis dahin wussten wir gerade mal, dass die Insel zu den Kanaren gehört und irgendwo links neben Marokko im Atlantischen Ozean liegt. Zum Glück haben wir ja vor Ort genügend Zeit, so einiges über die Insel zu erfahren und vor allem zu sehen.


Vom Norden aus entdecken wir also die zweitgrösste der kanarischen Inseln mit dem Mietauto und sind bereits ab Tag eins überwältigt von der Grandiosität dieser Vulkanlandschaft. Nachdem wir an der westlichen Küste rund um El Cotillo bereits den ersten Sonnenuntergang am Strand zu dritt bestaunen durften, war unser nächstes Ziel der Naturpark Corralejo an der Ostküste. Hier prallen völlig surreal enorm kontrastreiche Landschaften aufeinander. Auf der einen Seite das grösste Dünengebiet der Insel, welche in eine wunderschöne Strandlandschaft übergeht, die wiederum im türkisfarbenen Meer mündet. Als wäre das nicht schon beindruckend genug, sieht man in der Ferne in Rottönen gefärbte vulkanische Landschaften. Die Strasse führt zudem direkt zwischen Strand und Dünen hindurch, was vor allem aus der Vogelperspektive absolut spektakulär aussieht.

Fährt man auf den kurvenreichen Strassen durch die Mitte der Insel, entlang endlos scheinenden trockenen Vulkanlandschaften, kommt zwangsläufig die Frage nach der Wasserversorgung auf und wovon die Menschen hier eigentlich leben, wenn nicht von der Landwirtschaft. Die Wasserversorgung hängt zu 100% von Meerwasserentsalzung ab und anscheinend werden lediglich ca. 0,1 % der gesamten Inselfläche zum Anbau landwirtschaftlicher Güter genutzt. Auch die Tierzucht beschränkt sich hauptsächlich auf Ziegen, aus der das wohl bekannteste Produkt der Insel entsteht, der Queso majorero. Die Ziege ist übrigens auch das Wappentier der Insel und wurde ursprünglich von den ersten Siedlern, den Berbern aus dem Atlasgebirge auf die Insel gebracht. Die wichtigste Nutzpflanze der Insel ist die Tomate, da diese eine gewisse Salzwassertoleranz aufweist.

In einigen Gemeinden wird zudem seit längerer Zeit die Heilpflanze Aloe Vera gezüchtet, angebaut und exportiert. Dieses einheimische Bioprodukt ist allerdings durch Markenpiraterie und Billigimporte, vor allem aus China, Indien und Pakistan, bedroht.

Man kann also sagen, dass auf der Insel selber fast nichts wächst oder produziert wird, weshalb es zum Beispiel auch keine Gemüse- oder Blumenmärkte gibt, die wir doch auf unseren Reisen immer so gerne besuchen, um den Einheimischen etwas näher zu kommen. Dafür hat Fuerteventura aber ganz viel anderes zu bieten. Neben perfekten Surf- und Badestränden bietet die Insel nämlich auch unzählige Radsport- Strecken sowie Wanderwege über staubtrockene Vulkane und durch diverse Schluchten. Unser erster Hike mit Baby auf den Vulkan Calderon Hondo hatte es dann auch gleich schon in sich. Zwar war der Aufstieg mit gerade Mal rund 220 Höhenmetern keine grosse Herausforderung, aber oben angekommen war der Wind so stark, dass wir uns nicht mal getraut haben die Kamera auszupacken, sondern uns direkt wieder an den Abstieg gemacht haben! War wohl der falsche Tag für diesen Ausflug. Oder auch die falsche Jahreszeit, denn der Passatwind nimmt insbesondere in den Sommermonaten an Fahrt auf (welche wir in der Höhe wohl etwas unterschätzt hatten). Durch die vergleichsweise niedrigen Berge der Insel, gibt es wenig, was diese kräftigen Passatwinde bremst. Dadurch ist der Wind auf Fuerteventura im Vergleich zu den anderen, höheren Inseln der Kanaren immer etwas stärker.

Die nächsten Wanderungen führten uns dann mit weniger Wind, dafür umso mehr Sonne, durch einige der schönsten Barrancos (Schluchten) der Insel.

Fuerteventura ist zwar nicht Bali oder Sri Lanka, nicht grün, nicht laut, kein Gewusel und Gehupe, keine exotischen Düfte, dafür aber zurückhaltend, entspannt und zeitlos mit sehr viel unverbauter Natur. Weite Wüsten, kilometerlange einsame Küsten, schwarze und weisse Strände, vulkanische Hügellandschaften und gemächlich umherwandernden Ziegen. Außer Meer und Natur ist nicht viel los, aber vielleicht ist gerade das in der heutigen Zeit eine echte Wohltat? Für uns waren die viereinhalb Wochen hier auf jeden Fall genau das Richtige. In diesem Sinne, danke Fuerteventura. Du warst zwar nicht geplant, und wir hatten dich ehrlich gesagt nicht auf dem Radar aber sind im Nachhinein froh, hier gelandet zu sein. Du wirst uns für immer in Erinnerungen bleiben, und das nicht nur weil es unser erster Urlaub als Familie war! Wer weiss, vielleicht kommen wir eines Tages zurück, denn den berühmtesten unberührten Strand der kanarischen Inseln, Playa de Cofete im Süden Fuerteventuras, konnten wir diesmal noch nicht bestaunen. Zu den 12 Kikometer langen und unbebauten Stränden, gelangt man nämlich nur über eine 20 Kilometer lange Schotterpiste, die sich in Serpentinen über einen Gebirgspass windet. Das wollten wir unserem fünfmonatigen Baby (und uns) dann doch nicht zumuten.

Fotos by Carol Müri & Andy Brunner



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